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Gr. Rosinsko
(Gründung: 1471 als Freigut nach Magdeburgischem Recht mit 60 Hufen)

Kirchenchronik Groß Rosinsko
bearbeitet und herausgegeben vom
letzten Pfarrer an der Kirche Groß Rosinsko
Viktor Kühn

 

Vorgeschichte und Besiedlung

In vorgeschichtlicher Zeit hausten in unserer Gegend sehr vereinzelt Menschen in kümmerlichen Hütten an den Ufern der Seen und auf Pfahlbauten, die auf trocken gefallenem Seeboden angelegt waren. Sie ernährten sich ursprünglich von Wild und Fischfang und sind dann später durch Berührung und Einflüssen aus dem Westen zu Ackerbau und Viehzucht übergegangen.

Während hartwestlich von uns etwa zwischen dem Oberlauf der Alle und dem Spirdingsee die Galinder wohnten, war der südöstliche Teil Ostpreußens etwa mit den Kreisen Lyck und Johannisburg und den Südzipfeln der Kreise Lötzen und Treuburg von den Sudauern besiedelt, deren Gebiet sich über die erst 1422 festgesetzte Landesgrenze bis zum Niemen und Narew erstreckte. Beide Stämme, die Galinder und Sudauer, gehören nach Sprache und Kultur zu dem baltischen Volk der Prußen. -

In das Licht der Geschichte tritt unsere ostpreußische Heimat nach einigen vorangegangenen, aber vergeblichen Bekehrungsversuchen recht eigentlich erst seit der Eroberung und Christianisierung Ost- und Westpreußens durch den Deutschen Ritterorden. Herzog Konrad von Masowien, des etwa südlich der ostpreußischen Grenze liegenden, später polnischen Gebietes, konnte sich der kriegerischen Einfälle der Prußen nicht mehr erwehren und rief daher 1225 den Deutschen Ritterorden unter seinem damaligen Hochmeister Hermann von Salza um Hilfe an. Dieser Ritterorden, der zur Zeit der Kreuzzüge im heiligen Land in Jerusalem gegründet worden war, hatte nach Beendigung der Kämpfe dort keine rechte Aufgabe mehr. Im Prußenland, das bislang heidnisch war, erhielt der Orden also eine neue Aufgabe, die er - ausgestattet mit Vollmachten der beiden höchsten Mächte des Abendlandes, Kaiser und Papst - in den Jahren 1226 bis 1230 mit der Eroberung unserer Heimat in Angriff nahm.

Es bedarf heute der besonderen Erwähnung, daß Konrad von Masowien 1230 dem Orden urkundlich das Kulmer Land, aus dessen Raum sich die Kriegszüge gegen das Preußenland entwickelten, als Gegengabe für den gewährten Grenzschutz übereignete; daß Kaiser und Papst dem Deutschen Orden diese Schenkung bestätigten und das zu erobernde Land als freien Besitz für ewig zusprachen.

Aus militärischen Gründen rückte der Orden zunächst die Weichsel abwärts, dann entlang der Küste des Frischen Haffs nach Norden vor, sicherte das Gebiet durch Anlage von Burgen und festen Plätzen, aus denen dann die Städtegründungen Ost- und Westpreußens hervorgingen. Nach Sicherung dieser Linie rückte er ostwärts ins Innere des Landes vor, u. z. zunächst bis zur Alle; später dann in den östlichen Teil des Landes und damit auch in unsere Gegend. Hier leisteten nun die Ureinwohner, die Sudauer, aus ihren durch Wald, See und Sumpf gut gedeckten Schlupfwinkeln ganz besonders zähen Widerstand sowohl der kriegerischen Unterwerfung als auch der ihr folgenden Bekehrung und Taufe. Sie wollten von dem Christengott nichts wissen, sondern ihren Naturgottheiten, die in heiligen Hainen verehrt wurden, treu bleiben.

Wegen ihrer Hartnäckigkeit wurden die Sudauer nach einem zehnjährigen Kampf in den Jahren 1275-1285 teils aus ihrer Heimat nach dem Samlandnordwestlich von Königsberg umgesiedelt, wovon dortige Ortsnamen bis in unsere Zeit Zeugnis ablegten. Teils sind sie nach Osten abgewandert. So blieb unser Raum weithin menschenleer und hieß lange Zeit mit dem ganzen Gebiet östlich der Alle die »Wildnis«. Hier waren damals der Elch und Ur, der Hirsch und der wegen seines teuren Felles besonders wertvolle Biber zu Hause. Und in unseren Wäldern zwischen Seen und Sümpfen blies das Jagdhorn zur Jagd der Ordensritter und ihrer fürstlichen und ritterlichen Gäste. Für diese letzteren war es damals eine im ganzen christlichen Abendland begehrte hohe Ehre, aus den fernen deutschen Gauen auf Einladung des Ordens an dessen Heidenfahrten - besonders gegen die heidnischen Litauer - und an ihren Jagden teilzunehmen.

Während der westliche Teil Ostpreußens mit den preußischen Ureinwohnern, den umgesiedelten Sudauern und Galindern und vor allem durch Einwanderungsströme aus den deutschen Reichsgebieten damals schon in Stadt und Land eine hohe Einwohnerzahl aufweist, bleibt unsere Gegend lange Zeit menschenarm. Wenn auch die benachbarten Städte Johannisburg etwa 1342 und Lyck 1398 schon genant werden, so waren das damals doch nur vorgeschobene Posten oder feste Plätze in einem gefährdeten Gebiet, aus denen sich vorläufig noch keine Städte und Märkte entwickeln konnten, weil ihnen das Hinterland mit bäuerlicher Bevölkerung fehlte.

Nach der für den Orden unglücklichen Schlacht von Tannenberg 1410 und dem dreizehnjährigen Krieg 1454 bis 1466 war der Orden nicht mehr in der Lage, den östlichen Teil des Landes, die »Wildnis«, allein mit altpreußischen und deutschen Siedlern zu besiedeln. Da öffnete er die südlichen Grenzen einem breiten Einwandererstrom aus dem Herzogturm Masowien, aus dem bisher nur vereinzelt Waldarbeiter und Bienenzüchter, sogenannte »Beutner«, eingesickert waren. Und in diese Zeit fällt nun der Beginn der Besiedlung unseres Kirchspiels.

Ein Blick auf die Landkarte diesseits und jenseits der alten Reichsgrenze und ihre Ortsnamen läßt heute noch Vermutungen und Schlüsse auf die Herkunft jener ersten Siedler zu, die auf Ordensgebiet Dörfer und Ansiedlungen gründeten, die sogenannten »Lokatoren«. So haben doch wohl Bauern aus dem damaligen Guty unser Gutten (Gutten R, ab 1938 Reitzenstein) , aus Bzury unser Bzurren (Surren), aus Sokoly unser Sokollen (Sokollen R, ab 1938 Rosensee) usw. gegründet; alles Orte, die hart jenseits der damaligen Reichsgrenze, die ja auch die Grenze unseres Kirchspiels war, lagen. Solche Vergleiche wie die eben angeführten, lassen sich beliebig vermehren. Ebenso könnte man wohl viele unserer masurischen Familiennamen auf ihren Ursprung aus damals masowischen Dörfern herleiten.

Und doch trifft das nicht die ganze Wahrheit. Denn diese masowischen Einwanderer haben sich selbstverständlich mit altpreußischen Resten und mit deutschen Siedlern vermischt, so daß eine klare Scheidung in unserer Zeit nicht mehr möglich war. Viele deutsche und nichtmasurische Familiennamen bestätigen das.

Jedenfalls sind die Einwanderer gern über die Grenze in das Ordensland gekommen. Höhere Kultur, bessere Erwerbsmöglichkeiten, gerechte Besteuerung und vor allem persönliche Freiheit bildeten die Anziehungspunkte. Waren sie doch zu oft Objekte der Ausbeutung ihrer Fürsten und Oberen gewesen, während es dem Deutschen Orden um die wirtschaftliche und geistig kulturelle Hebung des Landes und Volkes ging. - In dieser Fürsorge lag wohl der Keim, der dann im Laufe der kommenden Jahrhunderte gute Frucht getragen hat. Denn die Masuren sind stets ein ihrem König und der gottgewollten Obrigkeit in Treue ergebener und staatserhaltender Bevölkerungsteil unseres großen Vaterlandes gewesen. Diese Tatsache bedarf keines Beweises für den, der je etwas von der Abstimmung des Jahres 1920 mit seinem eindeutigen Bekenntnis zum Deutschtum gehört oder gesehen hat. -

Gründung und alte Kirche

Alte Kirche Groß RosinskoUnser Kirchdorf Groß Rosinsko, der Mittelpunkt des nach ihm benannten Kirchspiels, soll nach alter Überlieferung von drei Siedlern gegründet worden sein. Da die Dorfgemarkung angeblich diese nicht ernähren konnte, da z. B. im Süden der Wald bis an die Kirchspielschule heranreichte und im Norden nach der Miszadla hin sumpfiges Gebiet war, schoben die beiden ersten den dritten mit Namen Dzietko ab, der dann das Dorf Klein Rosinsko gründete. Dieses hieß noch bis etwa 1900 Dzietken nach seinem Gründer.

Im Jahre 1471, als die Blütezeit des Deutschen Ritterordens längst vorüber war, erhielt Groß Rosinsko vom Orden seine Gründungshandfeste, die die Rechte und Pflichten des Landesherrn und der nach Magdeburgischem Recht freien Bauern festlegte. Später wurde das Kulmische Recht verbindlich, weshalb die Besitzer bis ins vergangene Jahrhundert hinein in unseren Kirchenbüchern »Köllmer« genannt werden.

Eine zweite Handfeste (Anm.: Handfeste = ursprünglich Urkunde, vom Aussteller durch Handauflegen bekräftigt, später einer Stadt vom Stadtherrn verliehenes Privileg) liegt ebenso wie die erste im Staatsarchiv in Göttingen. Sie ist datiert vom 19. Mai 1476. Die von 1471 hat folgenden Wortlaut:

Rusinsker Hantfeste

Rusinsker Hantfeste von 1471

     
  Wir, Bruder Seyfried Vlach von Schwarzenberge, oberster Trappier und Komtur zur Balge (Bolga) des Ordens der Brüder des Hospitals Sankt Marien des Deutschen Hauses von Jerusalem, tun kund und bekennen öffentlich mit diesem unserem offenen Briefe vor allen und jeglichen, die ihn sehen, hören oder lesen, daß wir mit Verhängnis der gar ehrwürdigen Herrn, Herrn Heinrich von Richtenberg, unseres Hochmeisters, und mit Rat, Wissen, Willen und Vollbort unserer ältesten Brüder zur Balge geben und verliehen, gegeben und verleihen  (haben) unseren Getreuen, also Matz, George, Hans und Bartholomäus, Gebrüder, und Matz und Paul, ihrer Schwester Söhnen und auch Hans und Jakob, ihren rechten Erben und Nachkommen, 60 Hufen, auf Rosinsken gelegen, binnen solcher Grenzen und Rainen, also sie ihnen von altersher von unsern Brüdern oder Anwälten bezeichnet sind an Acker, Wiesen, Weiden, Wäldern, Büschen, Brüchen und Sträuchern, ausgenommen die Jagd und Waidwerk, das wir für unsere Herrlichkeit behalten, im Gebiet Johannisburg gelegen, frei von Zehnten und bäuerlicher Arbeit und frei, erblich und ewiglich zu Magdeburgischem Rechte zu besitzen.

Um dieser unsrer Begnadigung willen sollen sie ihre rechten Erben und Nachkommen, uns und unserm Orden verpflichtet sein, zu tun zwei tüchtige und redliche Dienste mit Hengst und Harnisch nach dieses Landes Gewohnheit zu allen (Kriegs-) Geschreien, Landwehren und Reisen, neue Häuser zu bauen, alte zu bessern, und die getreulich helfen zu wehren wider alle unsers Ordens Widersacher, wann, wie oft und wohin sie von uns oder unsers Ordens Brüdern werden geheißen.

Auch so sollen sie uns und unserm Orden verpflichtet sein, alle Jahr jährlich auf unser Haus Johannisburg von jeglichem Pfluge oder Morgen einen Scheffel Weizen und einen Scheffel Roggen zu geben und von jeglichem Dienste ein Krompfund und Wachs und einen köllmischen Pfennig oder fünf preußische Pfennige auf Martini, des heiligen Bischofs Tag, zur Bekenntnis der Herrschaft.

Auch von sonderlichen Gnaden so geben wir ihnen die Gerichte, beide große und kleine, allein über ihre Leute und binnen derselbigen Hufengrenze Straßengerichte, ausgenommen, was wir für unsers Ordens Herrlichkeit zu richten (vor) behalten.

Wir wollen auch, wenn hernachmals dieselbigen Hufen (noch =)gemessen werden, was daran Gebrechen (zu wenig) würde sein, wollen wir oder unser Orden nicht verpflichtet sein zu erfüllen, und was da übrig (darüber) würde sein, damit wollen wir es halten nach unserm Willen.

Des zur Bekenntnis und ewiger Sicherheit haben wir unsers Amtes Siegel an diesen Brief lassen hängen, der da gegeben ist auf unserm Hause Johannisburg, Anno 1471.

 
   

 

 

Quelle: http://www.schuka.net/Ostpreussen/KrJo/Ort/Grossrosen/RO-Kirchenchronik.htm

Groß 


Rosinsko soll in alter Zeit von einem Palisadenzaun umgeben gewesen sein, der fünf Eingänge hatte, die nach Dunkelwerden nur den Einheimischen geöffnet wurden. Wehe dem Fremden, der vergeblich vor Räubern und wildern Tieren, die das Land damals unsicher machten, Schutz suchte und draußen bleiben mußte.

Wann die Kirche in Groß Rosinsko gegründet wurde, ist leider unbekannt. Eine Gründungsurkunde fehlt. Sie ist Tochterkirche der Kirche Drygallen, von der urkundlich nachgewiesen ist, daß sie (Drygallen) 1438 einen Kaplan hatte.

Zu unserer Kirchengemeinde gehörten folgende achtzehn Dörfer, deren Ortsnamen 1937 oder auch früher umgeändert wurden; letztere werden in Klammern mit aufgeführt: Groß und Klein Rosinsko (Großrosen, Kleinrosen), Jebrammen (Bachort), Czytrki (Kolbitz), Bzurren (Surren), Olschewen (Kornfelde), Krzywinsken (Heldenhöh), Nowaken (Brüderfelde), Kybissen (Kibißen), Taczken (Tatzken), Czyrnien (Dornberg), Dybowen (Diebau), Marchewken (Bergfelde), Klein Rogallen, Kurziontken (Seeland), Woytellen (Woiten), Gutten R (Reizenstein) und Skrodzken (Jagdhof).

Vor Gründung der Kirche Skarzinnen gehörten die Dörfer Groß Rogallen, Sokollen und Karpinnen, vor Gründung der Kirche Baitkowen (Kr. Lyck) die Dörfer Baitkowen (Kr. Lyck), Andreaswalde (Kr. Johannisburg) und Kölmisch Rakowen zu unserem Kirchspiel.

Der Sage nach soll die heilige Anna die Erbauerin unserer Kirche sein, deren Gebeine in der Altargruft der alten Kirche gelegen haben sollen. Sie war ursprünglich eine strohgedeckte Holzkirche, erbaut aus dem Holz des nahen Waldes, und stand unmittelbar südlich der 1892 erbauten neugotischen Backsteinkirche.

Die Gründung unserer Kirche geschah noch in katholischer Zeit, d. h. vor 1525. Denn in diesem Jahre führte der letzte Hofmeister des Deutschen Ritterordens, Albrecht von Hohenzollern, auf den persönlichen Rat Martin Luthers hin die Reformation ein, legte die Hochmeisterwürde ab, und verwandelte den geistlichen Ordensstaat in ein westliches Herzogtum, dessen erster Herzog er wurde. Unsere Heimat wurde damals das erste deutsche Land lutherischen Bekenntnisses.

Daß unsere Kirche vorreformatorischen Ursprungs ist, wird auch dadurch erhärtet, daß sie Wallfahrtskirche war. Zu Christi Verklärung am 6. August kamen alljährlich in alter Zeit Wallfahrer nicht nur aus unserem Kirchspiel, sondern sogar aus Nachbarkreisen, um an dem Altar der Kirche zu beten und zu opfern. Der Altar soll an diesem besonderen Tage wunderkräftig gewesen und die Gebete, die an seinen Stufen verrichtet wurden, alle in Erfüllung gegangen sein. Die Holzbehälter auf dem Altar, die wohl alte Getreidemaße waren, flossen dann von den Gaben und Opfern der Wallfahrer über. Ursprünglich wurden diese Gottesdienste nur in masurischer Sprache gehalten und haben sich bis in unsere Tage hinein erhalten.

Gemäß einer geäußerten, aber nicht bezeugten Meinung stand die alte Holzkirche 310 Jahre. Da sie nach Fertigstellung der Neuen 1893 abgebrochen wurde, wäre sie somit 1583 erbaut. Diese Jahreszahl hat sich im Turm der alten Kirche gefunden. Wenn wiederum nach einer anderen, leider auch nicht belegten Ansicht der Turm erst 120 bis 150 Jahre nach Gründung der alten Kirche angebaut worden ist, würde sich das Jahr 1583 auf den Bau des Turmes, nicht aber auf den der Kirche beziehen. Demnach fiele die Gründung der Kirche in die Zeit von 1430 bis 1460. Leider wissen wir nichts genaues. - Der älteste bekannte Pfarrer von Groß Rosinsko hieß Paul Rosnitzki; er wird 1590 erwähnt.

Der Altar der alten Holzkirche, der die Jahreszahl 1667 trug, hatte einen gut gearbeiteten barocken Aufsatz mit einem Ölgemälde zwischen zwei korinthischen Säulen, das die Kreuzigung mit Maria, Johannes und Maria-Magdalena darstellte; rechts und links der Säulen die vier Evangelisten in geschnitzten flügelähnlichen Umrahmungen; in einem Aufsatz darüber ein Bild der Himmelfahrt Christi.

Die Kanzel mit der Jahreszahl 1687 - wahrscheinlich ebenso wie der Altar älteren Datums - war achteckig geschnitzt und hatte in seinen Feldern ebenfalls die Bilder der vier Evangelisten, die in Wasserfarben gemalt waren. Einer von ihnen hielt ein Bild, das einen Engel mit einer Friedenspalme zeigte zur Erinnerung an den Tatareneinfall 1656, wovon die Chronik sogleich berichten wird.

Vor dem Altar hing ein hölzerner Hirschkopf mit einem Geweih, das als Kronleuchter diente.

Tatareneinfall

Das größte Ereignis in der Geschichte unserer Kirche, des Dorfes und der Gemeinde, bildet der Tatareneinfall. Hierüber hatte unser Pfarrer Fischer in seiner nun auch verlorenen Chronik berichtet, die bis 1590 zurückreichte. -  Es geschah 1656, als Pfarrer Stankowius Pfarrer an unserer Kirche war und sein Nachfolger, Pfarrer Molitor - geb. 1616, von 1656 bis 1682 Pfarrer in Groß Rosinsko - noch Rektor an unserer Schule war. -

Der Landesherr, Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, stand mit seinem kleinen Heer am Rhein, um den Franzosen zu wehren. Unsere Heimat lag offen und ungeschützt. Da fielen von Osten und Süden kommend die Tataren unter Führung des litauischen Obersten Gonsiewski in unsere Heimat ein. Ein Pulk dieser Horden ritt an einem Sonntag, als die Gemeinde in der Kirche versammelt war, in das Dorf Groß Rosinsko und brachte furchtbares Leid über seine Bewohner. Die älteren Leute wurde erschlagen, Kinder zerschmettert oder aufgespießt, die jüngeren starken Männer gefesselt und Frauen und Mädchen geschändet. Während die Gefesselten auf dem Dorfanger lagen, wurden die Häuser angezündet und aus dem Dorfkrug Lebensmittel und Branntwein geholt, wurde gepraßt und gezecht. Ihre Pferde hatten die Tataren in der Kirche untergestellt, wo sie Hohn und Spott trieben, und schon rings um das Gotteshaus Holz geschichtet, um es alsbald in Flammen aufgehen zu lassen. Da plötzlich entdeckte der Anführer ein Bild in der Kirche, das ihm bedeutete, daß dieser Ort ein geweihter und heiliger Ort sei. Sofort gebot er den Brandstiftern Einhalt, so daß die Kirche durch dieses Wunder vor dem Raube der Flammen gerettet wurde.

Auch andere Bilder machten einen ähnlichen Eindruck, von denen nur noch das eine vorhanden war, das wir alle noch kennen. Es hatte im mittleren Fenster des Altarraumes ind der neuen Kirche seinen Platz gefunden und stellte kreisförmig mit einem Durchmesser von nur 20 cm die Umarmung des hl. Joachim mit der hl. Anna dar.

Während unsere Kirche auf so wundersame Art erhalten blieb, wurden 1656 in unserer Umgebung die Kirchen von Drygallen, Ostrokollen und Nikolaiken durch Brand zerstört.

Unter den wenigen, die sich vor dem Tataren retten konnten, war der schon erwähnte Rektor Molitor, der in die Worguller Sümpfe bei Drygollen flüchtete, sich dort 14 Tage lang verborgen hielt und von Baumrinde und Wurzeln ernährte. Sein Vorgänger, Pfarrer Stankowius, und dessen Frau sollen nach der Krim verschleppt worden sein.

Pfarrer Molitor hat vor seinem Tode ein Lied von über vierzig Strophen gedichtet, das sogenannte »Tatarenlied«, das in das masurische Gesangbuch aufgenommen wurde. Es begann mit den Worten: »Teures Vaterland, netze dich mit Tränen!« Hierin schildert er die Schrecken des Tatareneinfalls und ruft sein Heimatland zur Buße: Preußenland höre! Wenn auch die Zuchtrute jetzt von uns genommen ist, so wirst du wenn du dich nicht besserst, um deiner Missetaten willen noch schreckliches empfangen und deine irdische Heimat verlieren! - Ein prophetisches Wort, dessen furchtbare Erfüllung unser Geschlecht in seiner ganzen Härte erfahren sollte. - Er nimmt dann in dem Liede Abschied von seiner geliebten Kirche, Altar und Kanzel, und befiehlt seine Gemeinde unter den Schutz und Schild des Herrn bis ans Ende der Welt.   

Pfarrer Molitor hat ebenso wie sein Nachfolger, Pfarrer Fischer seine letzte Ruhestätte unter der großen Linde mit der runden Bank gefunden, die der Mittelpunkt und Schmuck unseres Kirchplatzes bis in unsere Tage geblieben war. -

Noch eine andere Geschichte erzählt die die Chronik aus dieser unglücklichen zeit. Eine Frau Kallisch, deren Stammhof wohl in Kurziontken lag, wurde von den Tataren als Sklavin in die Türkei verschleppt. Nach etwa zwanzig Jahren kehrte sie, eine müde und gealterte Frau, in die Heimat zurück. Unerkannt kam sie in ihr Haus, in dem längst eine zweite Frau schaltete und waltete. Schrecklich war das Erkennen, besonders für den Mann. Sie aber begehrte nur einen stillen Platz im Hause, um zu helfen und die Kinder mit zu versorgen, was ihr gern gewährt wurde.




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