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Folge 03 vom März 1958 (Ostpreußen-Warte)
Seite 14   Vor 150 Jahren. Die Pest in Ostpreußen. Ein trauriges Kapitel in
der Geschichte unseres Landes.
Bild: Vor der Geißel der Pest verlassen die Bürger die verseuchten Städte
und fliehen auf das offene Land. Aber das schwarze Gespenst folgt ihnen
überallhin. Die Abbildung zeigt eine zeitgenössische Darstellung aus dem
Jahre 1630.
In mancher Stadt Ostpreußens fand man noch die Flurbezeichnung „Alter
Pestfriedhof", und jeder Nehrungswanderer kennt jene einsame Stätte, wo die
Wanderdüne gebräunte Gebeine der vor einem Vierteljahrtausend dort an der
Pest Verstorbenen freiwillig wieder hergab. Die Pest — das war der grausige
Würgeengel, der in jenen Zeiten meist im Gefolge von Kriegen durch die
Länder zog. Es muss wohl die Lungenpest gewesen sein, die heute Gottlob so
gut wie ausgestorben ist.

Auch die große Pest-Epidemie, die Ostpreußen, beginnend im Jahre 1708, fast
zu entvölkern drohte, scheint auf dem Boden des Krieges gewachsen zu sein.
Es waren damals die Zeiten des großen Nordischen Krieges, in dem Schweden,
Polen und Russland um die Herrschaft über die Ostsee rangen. In Polen, an
der Weichsel, zeigten sich die ersten Krankheitsfälle. Der damalige Stand
der ärztlichen Wissenschaft kannte keine rechten Gegenmaßnahmen, und so
griff man zum einfachsten, freilich auch unsichersten Mittel, zur
Absperrung. Entlang der preußisch-polnischen Grenze wurden regelrechte
Verhaue angelegt, Brücken wurden abgebrochen, die Landmiliz musste
Pestwachen stellen, und einzelne Dörfer Masurens, wie z. B. Bialutten,
umgaben sich zur Kontrolle des Verkehrs sogar mit Palissaden. Besonders
scharf ging man vor gegen die zahlreichen aus Polen kommenden Bettler, gegen
Hausierer und jüdische Wanderkaufleute.

Nun war aber der Winter 1708/1709 ganz ungewöhnlich hart und lang. Haffe und
Flüsse tauten erst im späten Frühjahr auf, erst am 15. Mai lief das erste
Schiff im Königsberger Hafen ein, Pfingsten blühte noch kaum eine Blume. Das
Getreide war größtenteils ausgefroren, und da die Kornvorräte nicht hin und
her reichten, so entstand in mancher Gegend geradezu eine Hungersnot. Auf
die unterernährte und wenig widerstandsfähige Bevölkerung stieß die Pest.

Wir geben nun Zahlen und Ereignisse zum größten Teil nach einer vor 40
Jahren aus der Feder von Dr. W. Sahm erschienenen sehr wissenschaftlichen
Abhandlung, die heute wohl kaum noch erreichbar sein dürfte. Danach begann
die Pest in Königsberg Anfang August 1709. Hatte ihr auf dem Lande der
Hunger den Weg geebnet, so taten das in den Städten die heute beinahe
unfassbaren sanitären Verhältnisse. In den Verordnungen des Königsberger
Magistrats zeigt sich das mit erschreckender Deutlichkeit: das Trinkwasser
ist schlecht, faule Gräben, die sog. Flüsse durchziehen große Teile der
Stadt, Kästen mit Dung stehen an den Häusern, „Unlust und Unflat" wird auf
die Straße geschüttet und aus Bequemlichkeit wird „Auswurf von Mensch und
Vieh" sowie der Inhalt der Aborte in die Rinnsteine entleert, auf dass, sich
ein gütiger Regen ihrer erbarme.

Beim ersten Auftauchen der Pest verließ die Regierung die Stadt, aber sie
kam nicht mehr zu ihrer bisherigen Ausweichstelle Brandenburg am Haff, da
auch Natangen schon gefährdet erschien, sondern verlegte ihren Sitz nach
Wehlau.

Massenweise erkrankten die Menschen, immer unter den gleichen Anzeichen,
Hitze und Fieber, Erbrechen, Anschwellungen. Alle die Mittelchen, wie man
sie bei früheren Pest-Epidemien, dem „Englischen Schweiß", angewendet hatte,
der „wundertätige Giftbalsam", die „Herzschilder" auf dem bloßen Körper u.
dgl. versagten. Und so griff man schließlich wieder zum Allheilmittel der
Absperrung. Königsberger Truppen besetzten Wälle und Tore, Einfuhrwege
wurden durch Zäune und Verhaue gesperrt.

In der Stadt bildete sich ein neuer Stand aus allen, die mit der Pest und
ihren Opfern zu tun hatten, die „Pestkerle und Pestweiber", die
„Pestbalbierer" und als Aufsicht die Pestärzte. Als Abzeichen trugen sie
alle Mäntel aus schwarzem Wachstuch. Das Unterpersonal bestand wohl kaum aus
den honorigsten Leuten, der hohe Lohn verhexte Abenteurer, Landstreicher und
Sträflinge dazu, sich um die Posten zu bewerben, bei denen manch guter
Nebenverdienst heraussprang. Wenn irgend möglich, wurden die Kranken in
„Pesthäusern" isoliert. Der ärztliche Dienst sollte in der Regel nachts
versehen werden, nachts wurden auch die Leichen abgefahren, sehr viele nach
den Lehmgruben am Hochgericht zwischen der späteren Cranzer Allee und dem
Oberteich. In der sonst so lebensfrohen und lebhaften Stadt herrschte in
diesem Herbst Totenstille, alles hielt sich möglichst in den Wohnungen auf,
um sich nicht auf der Straße anzustecken; nur die Kirchen waren überfüllt.
Der Bürgermeister Derschau, poetisch wie alle Menschen des Barock,
schilderte diese trostlosen Tage in einem Gedicht, das mit den Worten
beginnt:

„Mein armes Königsberg, komm her, hier ist Dein Spiegel,
Der Deine Scheußlichkeit Dir vor die Augen stellt!"
Die Pest wollte und wollte nicht aufhören.

Der Gouverneur, General Herzog v. Holstein-Beck, ließ seine Truppen zu einer
doppelten Sperrkette verstärken. Trotzdem aber mussten doch Lebensmittel in
die Stadt. Mit langen Stangen wurden sie den Soldaten durch die Holzgitter
gereicht. Dadurch wurde der Soldat zum ersten Käufer und konnte seinen
kargen Sold durch den Weiterverkauf recht erheblich aufbessern.

Indessen wurden jetzt allmählich die Stimmen immer lauter, die gegen den
Unsinn der Absperrung protestierten. Allmählich hatte auch die Epidemie
ihren Höhepunkt überschritten, jede Seuche pflegt ja nach einer gewissen
Zeit abzuklingen. Nach langem Hin und Her mit Berlin konnte endlich drei
Tage vor Weihnachten die Absperrung aufgehoben werden. Die Schreckenswochen
hatten im Hinblick auf die damalige Bevölkerungszahl ganz unerhörte Opfer
gefordert. Die ziemlich genau geführten Berichte zählen allein vom 3.
September bis 28. Oktober, also zur Zeit des Höhepunktes, nicht weniger als
9368 Tote auf. Darunter aber, wie die Chronik berichtet, nur etwa 200 aus
den wohlhabenden Ständen. Wahrscheinlich verstanden sie sich besser zu
schützen.

Aber anscheinend waren mit dem Abklingen der Epidemie nun doch nicht alle
Berufe zufrieden, denn in einem Gedicht aus jenen Tagen heißt es nicht ohne
Humor:

„Gottlob, das Pesthaus ist von allen Kranken frei,
Im ganzen Sprengel stirbt kaum einer oder zwei.
Der Kantor klaget jetzt: es gibet keine Leichen,
Der Arme gibet nichts — nichts stirbet von den Reichen!"

Aus der Provinz, besonders aus den Dörfern, besitzen wir leider meist nicht
so genaue Angaben über die Opfer der Pest wie aus Königsberg. Es sind mehr
allgemeine Umrisse, aber erschütternd oft heißt es kurz in den alten
Kirchenbüchern und Grundregistern: „verpestet gewesen, ausgestorben. Haus
gleich geräumet und geräuchert", wobei als Merkwürdigkeit erwähnt sei, dass
man ein Ausräuchern mit Rebhuhnfedern für die beste Desinfektion hielt.

Wie es in den, kleinen Landstädten aussah, dafür nur das Beispiel der Stadt
Heiligenbeil. Dort brach 1709 die Pest zugleich in drei Häusern aus. In den
nächsten Monaten raffte die Seuche 104 Einwohner dahin, die Stadt wurde
abgesperrt. Obwohl Bürgermeister und Apotheker ihr Möglichstes taten, stieg
die Zahl auf 1041, etwa die Hälfte der Bürger. Dazu kamen noch 162 aus den
Dörfern, die zur Kirche Heiligenbeil gehörten.

Aber weit schlimmer als in der natangischen Landschaft wütete die Pest im
Regierungsbezirk Gumbinnen, damals noch Preußisch Lithauen genannt. Hier war
die vorhergegangene Hungersnot besonders unheilvoll gewesen. Als Diät aß man
Träber aus Leinenspreu und Birkenrinde und stellte sich ein berauschendes
Getränk her aus den Gift enthaltenden Körnern eines Raygrases, Roggentrespe
oder Täumellolch genannt. Alter Aberglaube aus der Urzeit wurde wieder
lebendig in den verzweifelten Menschen, man glaubte das weiße Pestgespenst
leibhaftig in den Nächten umherwandeln zu gehen. Ganze Dörfer wurden
entvölkert.

Auch in Masuren wütete die Pest furchtbar. Leere Häuser, ja leere Dörfer
fand man überall, viel herrenloser Acker und herrenloser Wald fiel an den
Staat, aber anscheinend auch an Unberechtigte, die sich bereichern wollten,
wie denn überhaupt die Moral überall stark nachließ. Aus Angst verließ
manche Familie ihr Dorf und erbaute sich hastig Strohhütten auf freiem Felde
oder suchte Zuflucht im Walde. Übergriffe der zur Absperrung der Grenze
kommandierten Landmiliz kamen vor, mancher scheinbar Tote ist damals in die
Lehmgrube geworfen worden.

In ganz Ostpreußen wurden zwischen 1709/1711 nicht weniger als 241 171 Tote
gemeldet, ein furchtbarer Verlust für das ohnehin nicht übermäßig stark
besiedelte Land, das gerade begonnen hatte, sich zu erholen von den Folgen
des Tatareneinfalls sechzig Jahre vorher. Wie stets nach solchen
Katastrophen setzte damals im ganzen Lande eine förmliche Heiratswut ein,
„vom frischen Grab aus wurde geheiratet", wie die Chroniken melden.

Indes schien es so, als ob der Himmel wirklich seinen Zorn an dem armen
Ostpreußen auslassen wollte, denn der Pest folgten Vieh- und Pferdeseuchen,
die ganz besonders stark auftraten in den Ämtern Georgenburg, Rhein und
Lötzen. Im Jahr darauf gingen — ein seltsames Ereignis für unseren Osten —
starke Heuschreckenschwärme in Masuren nieder, wie die Chroniken berichten.
Besonders schwer zu leiden hatte das Amt Sechesten und seine Umgegend.

Ein recht trostloses Bild war es, das Ostpreußen nach jenen Jahren darbot.
Aber wie jedes Unglück meist irgendwie auch wieder einen Segen in sich
birgt, so war es auch hier. Viel brachliegendes Land schrie nach Bebauung,
und so war Raum geschaffen für das größte Lebenswerk des preußischen Königs
Friedrich Wilhelm I. Schon als Kronprinz hatte ihn auf seinen Reisen die
Verödung des Landes, besonders des Gumbinner Bezirkes, tief erschüttert. Nun
konnte er als König sofort beginnen mit seinem „Rentablissement", dem
Wiederaufbau, den er trotz mancher Rückschläge drei Jahrzehnte hindurch als
sein Lieblingswerk ohne Rücksicht auf die gewaltigen Kosten mit größter
Tatkraft betrieb. Viel frisches Blut aus dem oberdeutschen Raum kam nach
Ostpreußen, und schließlich nahm er gegen Ende zur Krönung seines Werkes als
geschlossene Volksgruppe die vertriebenen Salzburger auf. Das neue Blut und
der neue Lebenssaft hat unserer Heimat heimischen Landwirtschaft beweist.
Dr. Walter Grosse

»Für die Ostpreußen!
Der Hunger pocht mit knöcherner Hand an unsere Thüren und bittet um Brod!
Eine große, schöne Provinz unseres deutschen Vaterlandes, auf die wir sonst mit gerechtem Stolze blicken, denn es wohnt dort ein braves, kräftiges und kernhaftes Volk - eine Provinz mit fast anderthalb Millionen Menschen steht durch die Mißernte des vorigen Jahres am Rande des Verderbens. Der Hunger ist mit all' seinen Greueln in den eisumstarrten Hütten der Dörfer eingekehrt, und die Kälte des harten Winters lähmt die arbeitgewohnte fleißige Hand, der der Staat vergeblich Arbeit bietet. Nicht Greise bloß und Kranke, nicht Frauen bloß und Kinder, - auch der Ernährer der Familie hat nicht die Kraft, Hand an's Tagewerk zu legen.
Eine Pest der furchtbaren Art, der Hungertyphus, wüthet bereits in einigen Orten und vollendet die gräßliche Arbeit des Todes!
Daß unsere Feder stark genug wäre, das Werk der verheerenden Geißel zu schildern, die Herzen alle aufzuthun, die in dieser Noth helfen könnten, sie alle zur rettenden That aufzuraffen, die am behaglich wärmenden Kamine sitzen, an wohlbesetzter Tafel sich freuen und gesund und frisch das Leben genießen!
Ein großer Brand wirft den rothen Schein seines feuergerötheten Himmels weithin über Berg und Thal: der Hunger aber schleicht unheimlich still von Hütte zu Hütte, von Haus zu Haus, wo die "Armen und Elenden" abgezehrt, kraftlos und in sich zusammengekauert sitzen und dem Tode, der sich an ihrem Anblick zu waiden scheint, in das fahle Antlitz schauen, bittend und flehend, daß er sie von ihrem namenlosen Jammer erlöse!
Ueber Land und Meer, soweit die Stimme unseres Blattes reicht, - und das ist soweit die deutsche Zunge reicht, - rufen wir unsern Brüdern im Osten und Westen, im Süden und Norden beider Welttheile zu: "Gedenket unserer braven Ostpreußen," die zu allen Zeiten bewiesen haben, daß sie echte Deutsche sind, die in den Jahren der Schmach auf der Wahlstatt ihr Deutschthum mit Blut besiegelt, als es galt, das verhaßte Joch des fremden Eroberers abzuwerfen.
Keine Grenze, kein Fluß scheidet Deutschland in solchem Augenblicke; wir fühlen, daß wir zusammen gehören, daß wir ein einig Volk von Brüdern sind, die, wenn Einer leidet, Alle leiden. Der Augenblick ist da, wir wir der Fremde zeigen können, daß kein Norden und kein Süden, wenn es gilt, in Nothe und Gefahr zusammenzustehen. Helft zu diesem friedlichen Sieg, der jeden kriegerischen aufwiegt, - vor Allem auch ihr Brüder im Süden, ihr Deutschen in Oesterreich, - helft die Blöße decken, die dem braven Volke der Ostpreußen geschlagen ist. Helft, denn es ist eine Ehrensache für Alle!
Doppelt gibt, wer bald gibt!
---
Die Redaktion dieses Blattes ist bereit, Gaben entgegenzunehmen. Dieselben werden öffentlich bescheinigt und schleunigst an das "Hülfs-Comité für Ostpreußen" in Berlin
abgeliefert.«

Dieser höchst pathetische Text wurde im Januar 1868 in der Allgemeinen
Illustrierten Zeitung in Berlin abgedruckt. Anlass ist die Hungersnot,
die sich durch die Missernte von 1867 ergab, nicht nur in Ostpreußen, im
ganzen Ostdeutschland. Es wurde in den Zeitungen zu Spenden aufgerufen -
und es wurden auch Spenderlisten gedruckt, die für uns Ahnenforscher
vielleicht interessant wären. - Hermann Sudermann hat diesen Sommer 67
in seinem "Bilderbuch meiner Jugend" eindrucksvoll beschrieben; er misst
der Schilderung der Umstände einen guten Teil bei. Im Jahre 1868 gab es
eine Typhusepidemie im Regierungsbezirk Gumbinnen. Und wo im Text von
der Wahlstatt die Rede ist, dort ist die Erstürmung des Grimmaschen Tors
in der Völkerschlacht durch den ostpreußischen Landsturm gemeint.

Übrigens gab es auch schon 1846 in Ostpreußen und Schlesien eine
Hungersnot mit anschließender Typhusepidemie, in deren Folge ganze
Dörfer entvölkert.

Stefan Militzer hat eine Internet-Seite mit einer Naturereignisse-Datenbank
http://mitglied.multimania.de/mili04/ (Ich kann sie heute leider nicht
erreichen: Zeitüberschreitung, Netzstörung?)

Mit freundlichen Grüßen
Th. Salein

 




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