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1656 Der Tatarensturm
Die eine Katastrophe in Masuren

Der Dreißgjährige Krieg ist gerade seit acht Jahren beendet. Preußen und Masuren blieben weitgehend davon verschont. Friedrich Wilhelm, der "Große Churfürst" regiert im Berliner Stadtschloß. 

Paul Gerhardt - von 1657 - 1667 Pfarrer an der Nikolai-Kirche in Berlin - hat die meisten seiner Lieder unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges  gedichtet. Sein Freund, Johann Crüger, seit 1822 Kantor an der gleichen Kirche, hat die Melodien dazu geschaffen. Als Crüger 1647 sein Gesangbuch erneut auflegte, steuert Gerhardt bereits 18 Lieder bei. Paul Gerhardt ist Lutheraner und gerät in einen für ihn unauflöslichen Konflikt mit dem Toleranzedikt des Churfürsten; Johann Crüger kennt vom reformierten Hof des Churfürsten den Genfer Psalter mit seinen "modernen" Melodien und wird dadurch zu seinen eigenen Melodien angeregt. 

Auf Einberufung Friedrich Wilhelms fand im Jahr 1663 im Schloss Cölln das Berliner Religionsgespräch zwischen lutherischen und reformierten Theologen der Mark Brandenburg statt. Es sollte die beiden protestantischen Konfessionen einander annähern. Nach 17 Sitzungen wurde es ergebnislos abgebrochen. 1664 erließ der Kurfürst ein Toleranzedikt, das den lutherischen Geistlichen bei Strafe der Amtsenthebung jede Polemik gegen die Reformierten untersagte. Als Paul Gerhardt nicht unterschreibt, wird er daraufhin seines Amtes enthoben. 

Warum ich d. O. im Zusammenhang mit dem Tartarensturm schreibe?

Kriege, auch Glaubenskriege haben die gleiche Wurzel: Machtanspruch, weltliche "Herrscher von Gottes Gnaden" 

Quelle: http://www.schuka.net/Ostpreussen/KrJo/Ort/Grossrosen/RO-Kirchenchronik.htm

Tatareneinfall

Das größte Ereignis in der Geschichte unserer Kirche, des Dorfes und der Gemeinde, bildet der Tatareneinfall. Hierüber hatte unser Pfarrer Fischer in seiner nun auch verlorenen Chronik berichtet, die bis 1590 zurückreichte. -  Es geschah 1656, als Pfarrer Stankowius Pfarrer an unserer Kirche war und sein Nachfolger, Pfarrer Molitor - geb. 1616, von 1656 bis 1682 Pfarrer in Groß Rosinsko - noch Rektor an unserer Schule war. -

Der Landesherr, Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, stand mit seinem kleinen Heer am Rhein, um den Franzosen zu wehren. Unsere Heimat lag offen und ungeschützt. Da fielen von Osten und Süden kommend die Tataren unter Führung des litauischen Obersten Gonsiewski in unsere Heimat ein. Ein Pulk dieser Horden ritt an einem Sonntag, als die Gemeinde in der Kirche versammelt war, in das Dorf Groß Rosinsko und brachte furchtbares Leid über seine Bewohner. Die älteren Leute wurde erschlagen, Kinder zerschmettert oder aufgespießt, die jüngeren starken Männer gefesselt und Frauen und Mädchen geschändet. Während die Gefesselten auf dem Dorfanger lagen, wurden die Häuser angezündet und aus dem Dorfkrug Lebensmittel und Branntwein geholt, wurde gepraßt und gezecht. Ihre Pferde hatten die Tataren in der Kirche untergestellt, wo sie Hohn und Spott trieben, und schon rings um das Gotteshaus Holz geschichtet, um es alsbald in Flammen aufgehen zu lassen. Da plötzlich entdeckte der Anführer ein Bild in der Kirche, das ihm bedeutete, daß dieser Ort ein geweihter und heiliger Ort sei. Sofort gebot er den Brandstiftern Einhalt, so daß die Kirche durch dieses Wunder vor dem Raube der Flammen gerettet wurde.

Auch andere Bilder machten einen ähnlichen Eindruck, von denen nur noch das eine vorhanden war, das wir alle noch kennen. Es hatte im mittleren Fenster des Altarraumes ind der neuen Kirche seinen Platz gefunden und stellte kreisförmig mit einem Durchmesser von nur 20 cm die Umarmung des hl. Joachim mit der hl. Anna dar.

Während unsere Kirche auf so wundersame Art erhalten blieb, wurden 1656 in unserer Umgebung die Kirchen von Drygallen, Ostrokollen und Nikolaiken durch Brand zerstört.

Unter den wenigen, die sich vor dem Tataren retten konnten, war der schon erwähnte Rektor Molitor, der in die Worguller Sümpfe bei Drygallen flüchtete, sich dort 14 Tage lang verborgen hielt und von Baumrinde und Wurzeln ernährte. Sein Vorgänger, Pfarrer Stankowius, und dessen Frau sollen nach der Krim verschleppt worden sein.

Pfarrer Molitor hat vor seinem Tode ein Lied von über vierzig Strophen gedichtet, das sogenannte »Tatarenlied«, das in das masurische Gesangbuch aufgenommen wurde. Es begann mit den Worten: »Teures Vaterland, netze dich mit Tränen!« Hierin schildert er die Schrecken des Tatareneinfalls und ruft sein Heimatland zur Buße: Preußenland höre! Wenn auch die Zuchtrute jetzt von uns genommen ist, so wirst du wenn du dich nicht besserst, um deiner Missetaten willen noch schreckliches empfangen und deine irdische Heimat verlieren! - Ein prophetisches Wort, dessen furchtbare Erfüllung unser Geschlecht in seiner ganzen Härte erfahren sollte. - Er nimmt dann in dem Liede Abschied von seiner geliebten Kirche, Altar und Kanzel, und befiehlt seine Gemeinde unter den Schutz und Schild des Herrn bis ans Ende der Welt.   

Pfarrer Molitor hat ebenso wie sein Nachfolger, Pfarrer Fischer seine letzte Ruhestätte unter der großen Linde mit der runden Bank gefunden, die der Mittelpunkt und Schmuck unseres Kirchplatzes bis in unsere Tage geblieben war. -

Noch eine andere Geschichte erzählt die die Chronik aus dieser unglücklichen zeit. Eine Frau Kallisch, deren Stammhof wohl in Kurziontken lag, wurde von den Tataren als Sklavin in die Türkei verschleppt. Nach etwa zwanzig Jahren kehrte sie, eine müde und gealterte Frau, in die Heimat zurück. Unerkannt kam sie in ihr Haus, in dem längst eine zweite Frau schaltete und waltete. Schrecklich war das Erkennen, besonders für den Mann. Sie aber begehrte nur einen stillen Platz im Hause, um zu helfen und die Kinder mit zu versorgen, was ihr gern gewährt wurde.

Pest, Krieg und »Revolution«

Nach Jahrzehnten ruhigen und fleißigen Schaffens kam mit der Pest, dem »schwarze Tod«, in den Jahren 1709 bis 1711 abermals eine große Not auch über unsere Dörfer. In kurzer Zeit starben die von der unheimlichen Krankheit Befallenen unter furchtbaren Krämpfen und Schmerzen vor den Augen ihrer Angehörigen dahin. Abends vor dem Schlafengehen verabschiedete man sich voneinander, weil keiner wußte, ob er den morgigen Tag noch sehen würde. In einigen unserer Dörfer blieben nur ganz wenige am Leben. Das Dorf Rossa, zwischen Karpinnen (Dreilinden) und Dmussen (Dimussen) gelegen, starb völlig aus und wurde nicht wieder aufgebaut.

Quelle: http://www.schuka.net/Ostpreussen/KrJo/Ort/Grossrosen/RO-Kirchenchronik.htm 

Quelle © Preußische Allgemeine Zeitung / 21. Oktober 2006 - gekürzt

Als die Tataren in Preußen einfielen - von Ruth Geede

…… der große Tatarensturm auf Ostpreußen, eines der grausamsten Geschehnisse in der Geschichte dieser Region, die sich verheerend auf das Land und seine Menschen auswirkte. Man sprach bis in unsere Zeit hinein nur mit Schaudern von den "Tattern", deren Spuren noch immer erhalten blieben wie im Namen des Lycker "Tatarensees", wie in den eingeschlagenen Schädeln der Opfer in der Vaterländischen Gedenkhalle in Lötzen, wie im "Tatarenlied" des Pfarrers Johann Molitor aus Groß Rosinko. Als die "Gelbgesichtigen" abzogen, hinterließen sie ein zerstörtes Gebiet von 180 km Länge und 75 km Breite mit 13 vernichteten Städten, 249 dem Erdboden gleichgemachten Dörfern, 37 verbrannten Kirchen und unzähligen "wüst" gewordenen Höfen. 23000 Menschen waren erschlagen, 34000 Einwohner, vor allem Frauen, verschleppt worden - für das damals noch dünnbesiedelte Land eine kaum vorstellbare Wunde, die dann durch die von den Tataren eingeschleppte Pest noch breiter klaffte und das Land ausbluten ließ.

Wie war es zu diesem furchtbaren Einfall in das vom Dreißigjährigen Krieg verschont gebliebene Preußen gekommen? Auch nach dem Westfälischen Frieden legte die damalige Großmacht Schweden die Waffen nicht zur Seite, der jahrzehntelange Kampf um die polnische Krone flammte wieder auf. Königin Christine von Schweden hatte bei ihrer Abdankung im Jahr 1654 ihren Vetter Karl-Gustav von Pfalz-Zweibrücken zu ihrem Nachfolger bestimmt, der als Karl X. Gustav gekrönt wurde. Eine andere Linie des schwedischen Hauses Wasa regierte in Polen. Als der polnische König Kasimir den neuen Schwedenkönig nicht anerkennen wollte, begann 1655 der Schwedisch-Polnische Erbkrieg. Karl X. Gustav fand in dem auch mit ihm blutsverwandten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem Großen Kurfürsten, einen Verbündeten. Die vereinigte schwedisch-brandenburgische Armee besiegte in einer blutigen Schlacht bei Warschau das polnische Heer. König Johann II. Kasimir beschloß nun, sich mit einem Einfall in Preußen zu rächen. Sein durch Litauer und Krimtataren auf 20000 Mann verstärktes Heer griff die nur halb so große schwedisch-brandenburgische Armee auf masurischem Gebiet an. Es kam am St. Michaelistag 1656 bei Prostken zu einem für die Verbündeten vernichtenden Kampf, in dem sie 7000 Tote und in Gefangenschaft Geratene verloren. Nun hatten die Tataren freie Bahn: Unter ihrem Hetman Zupanskazyaga zogen sie mordend und brennend durch das Land, um sich ihre Kriegsbeute zu holen. Statt Sold waren Güter und Menschen im eroberten Gebiet der Lohn! Obgleich die Krimtataren keinen Säbel besaßen, waren ihre Angriffe mit Pfeil und Bogen und mit dem Maslack, einem mit einem Holzgriff versehenen spitzen Knochen, von unvorstellbarer Grausamkeit. 

Eine alte Chronik berichtet: 

"Verheerend ergossen sich die wilden Sieger über das Land. Der mächtige Feuerschein brennender Dörfer trug die Kunde weiter. Weder Säuglinge noch Greise wurden von den Horden verschont. Jünglinge und Männer, Mädchen und Frauen wurden wie eine große Herde Schafe vorwärts getrieben und in die Sklaverei abgeführt." 
Eine alte Angerburger Chronik berichtet: 
"Es ist nicht zu beschreiben, was vor Jammer vorgegangen. Die Christenkinder sind von den Tataren weggeführt, beschnitten, die Männer verkauft, auf die Galeeren geschmiedet, die Weiber zur viehischen Unzucht behalten worden." - Und der Chronist beschreibt weiter, wie die wilden Scharen Angerburg eroberten. Zwar hatte der Befehlshaber der preußischen Truppen, Graf Waldeck, vor der Stadt einige Verschanzungen aufwerfen, die Brücke über die Angerapp abbrechen und eine Wagenburg errichten lassen. Aber ein Bauer wurde von den Tataren so gemartert, daß er die Furt durch den Fluß verriet und dadurch die Belagerer in die Stadt eindringen konnten und alle Bewohner bis auf diejenigen, die sich in das Schloß gerettet hatten, ermordet oder verschleppt wurden. Die Stadt wurde in Brand gesetzt, nur die Kirche blieb verschont, obgleich ein polnischer Pfarrer auch sie anstecken wollte. Ein Bürger erschoß ihn, aber der Angerburger wurde von den Tataren erschlagen. In der Kirche zeigte man noch lange an der Tür zur Sakristei die Spur eines gewaltigen Hiebes, den ein Tatar ausgeführt hatte. Die Bürger, die sich in das Schloß gerettet hatten, ereilte dann vier Monate später das Schicksal, als erneut ein Haufen Polen und Tataren in die Stadt eindrang und sie in Brand setzte. Man zählte 200 erschlagene Bürger, deren Leichname von Schweinen und Hunden gefressen wurden, weil niemand da war, der ihnen ein Grab bereitete. Die Kirche wurde geplündert, blieb aber erhalten. So erzählt die Angerburger Chronik

Nicht nur in den Städten, auch in den masurischen Dörfern wurde gebrandschatzt, gemordet, geschändet. Wie in Kallinowen, wo 800 Personen getötet, die übrigen verschleppt wurden. Pfarrer Baranowski gelang es, mit Frau und Kind zu fliehen. Der quälende Hunger trieb ihn aber in das Pfarrhaus von Czychen, und hier ereilte ihn und seine Familie das Schicksal, als die Tataren plötzlich eindrangen. Der zweijährige Sohn wurde gegen einen Baum geschleudert, als er beim Abtransport der Gefangenen lästig wurde. Das Kind schien tot, aber es wurde von flüchtenden Menschen gefunden und nach Lyck gebracht und blieb am Leben. Sein Vater aber fand ein furchtbares Schicksal: Er wurde Galeerenskalve und ist auf Kreta elend verstorben. Sein Nachfolger wurde der Kallinower Lehrer Zaborovius, der bei der Verschleppung den Tataren entkam, indem er auf einem Binsenbündel durch den Dnjepr schwamm und nach mühevoller Wanderung sein Heimatdorf erreichte.

Überall hat sich in den von den Tataren überfallenen Gegenden Ostpreußens bis in unsere Zeit mündlich Übermitteltes aus jenen grausamen Jahren lebendig erhalten, wie in Klaussen. Unter polnischer Führung waren die Tataren in die Kirche eingedrungen und wollten sie ausrauben. Als der Pfarrer ihnen aber keine Kostbarkeiten geben konnte, denn es war eine arme Gemeinde, wollten sie ihn töten und das Gotteshaus in Brand stecken. Aber da wies der Pfarrer auf einen Stein vor der Kirche, der Spuren des Teufels zeigte, den man im Jahre 1640 hier vertrieben hatte - deshalb sei es eine heilige Kirche und Gott würde jede böse Tat bitter rächen. Daraufhin flüchteten die abergläubischen Marodeure eiligst aus Klaussen - die Kirche war gerettet!

Eine besonders listige Tat soll den Frauen von Lyck gelungen sein, wie der Name Tatarensee beweist. Zwar war die Stadt besonders schwer betroffen, sie wurde geplündert und vollkommen zerstört, aber ein Teil der Bevölkerung hatte sich auf die Burg retten können, die Oberst von Auer mit seinem Dragoner-Regiment, das er auf eigene Kosten aufgestellt hatte, erfolgreich verteidigen konnte. Darunter waren auch Frauen, deren Männer von den Tataren gefangengenommen, an die Schweife ihrer Pferde gebunden und auf eine Anhöhe geschleppt worden waren. Die Frauen schlichen sich in das Lager der Tataren und machten die Wächter mit Bärenfang betrunken. Als diese in tiefen Schlaf fielen, befreiten die Frauen ihre Männer, und gemeinsam warfen sie die Berauschten in einen moorigen See, der den Namen "Tatarensee" bis in unsere Tage hinein trug. Wie überhaupt so manche landschaftlichen Merkmale in den damals verwüsteten Gebieten die Erinnerung wach hielten. Ob Tatarenberg oder Schwedenschanze: Es gab noch viele Zeugen in Ostpreußen aus jener furchtbaren Zeit, die mit dem Fortzug der "Tattern" 1660 nach dem Frieden von Oliva, noch lange keine glückliche war, denn die Pest löschte nun manches Leben aus, das sich über die Tatarenzeit gerettet hatte. 80000 Menschen sind damals in Ostpreußen verhungert oder an der Pest verstorben - ein Aderlaß, von dem sich das Land erst langsam erholte, als neue Siedler die "wüst" gewordenen Höfe und Güter übernahmen.

Es gibt wenig schriftlich Überliefertes aus jener alten Zeit, wie die Briefe der mit ihren Kindern in die Sklaverei verschleppten Gräfin Lehndorff aus Konstantinopel, in denen sie um Lösegeld bat. Das wohl aufschlußreichste, zeitgenössische Dokument ist das Tatarenlied des Pfarrers Johann Molitor aus Groß Rosinko. Es hat in erschütternder Weise die Grausamkeiten festgehalten, die auch in seinem Kirchspiel verübt wurden. Er selber konnte sich durch Flucht in die Worguller Sümpfe retten, wo er sich von Wurzeln und Baumrinde ernährte. Zurückgekehrt in seine Gemeinde schrieb er das Tatarenlied in masurischer Sprache. Es wurde von dem Angerburger Rektor Pisanski in das Deutsche übertragen. Erstmals wurde das 17 Strophen umfassende Lied im Mai des Jahres 1662 bei dem preußischen Friedensdankfest in den Kirchen an der Grenze zu Polen gesungen. Es wurde in das masurische Gesangbuch aufgenommen und bis in die Neuzeit hinein an Gedenktagen gesungen. Hans-Egon von Skopnik hat sich sehr mit der Geschichte dieses Liedes und seines Schöpfers befaßt, der auf einem Gemälde abgebildet wurde - verewigt, so glaubte man, aber das Bild ist aus der Kirche von Großrosen spurlos verschwunden. In den Bränden und Kämpfen in Ostpreußen, in unserer Zeit, wo sich - was unvorstellbar schien - wiederholte, was im Tatarenlied beklagt wird: "... in ein fernes Land wird man dich vertreiben ..."

Fotos: Gegner im Schwedisch-Polnischen Erbkrieg: Weil der Große Kurfürst (links) sich auf die Seite des Schwedenkönigs Karl X. Gustav (Mitte) geschlagen hatte, fiel der Polenkönig Johann II. Kasimir (rechts) mit seinem durch Litauer und Krimtataren verstärkten Heer in Preußen ein. (Archiv)

Der Einfall nach Preußen kam aus dem Lyckischen, dem Grenzort Prostken 10 km Luftline, 13 km auf heutigen Straße von Dybowen entfernt. Leicht kann man sich vorstellen, dass es neben Lyck und seinem Umland auch die nächstgelegenen Dörfer Kibissen, Dybowen und Gutten als erste betroffen hat. 

 

Hier zwei Seiten *) des 41-strophigen Tatarenliedes von Pfarrer Johann Molitor (1656) bis 1682 Pfarrer in Groß Rosinki, dem Kirchspiel, zu dem die Dörfer Diebowen, Kibissen und Gutten (R) gehören, in denen Gutowski’s betroffen waren und als von den Tataren Entführte genannt werden



*) in der 1656 gebräuchlichen Masurisch-Polnischen Sprache, einer Sprache, die auch mein Vater als Kind gesprochen hatte, später benutzte er sie für alle wichtigen nur so ausdrückbaren „Herzensangelegenheiten“ –

 

Deine jungen Töchter verschleppte der gelbe Tatar
Die Tatareneinfälle in Ostpreußen und das Tatarenlied des Pfarrers Molitor / Von Ruth Geede

Betrübtes Vaterland! Netze deine Wangen; Denkt, Preußen, was mit euch damals vorgegangen!" – Es ist kein Nationalepos, das so beginnt, wie man meinen könnte. Und es bezieht sich auch nicht auf die jüngere oder gar jüngste Geschichte Preußens. Was so klagend beginnt, zeigt in den nächsten Zeilen die Zeit auf, in der das Grausame geschah: "Als man sechzehnhundert sechsundfünfzig zählte, und ein ergrimmter Feind euch empfindlich quälte!" Es ist das Tatarenlied des Pfarrers Johann Molitor aus Groß Rosinsko, 1656 in masurischer Sprache geschrieben, von dem Angerburger Rektor Pisanski ins Deutsche übertragen. Das 41 Strophen lange Lied ist noch in alten ostpreußischen Gesangbüchern zu finden. Aber kennt man es heute noch?

Als kürzlich im Seminar der "Ostpreußischen Familie" im Ostheim in Bad Pyrmont das "Tatarenlied" und seine Geschichte auf dem Programm standen, wußten die meisten Teilnehmer nicht, worum es sich handelte. Als dann Hans-Egon von Skopnik sein Referat hielt, waren alle gefesselt von den Schilderungen über die Tatareneinfälle, die zu den schwärzesten Kapiteln der preußischen Geschichte gehören, aber auch betroffen von der Gültigkeit bezüglich der grausamen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. In seiner Moral zeigt es in fast prophetischer Weise die Klagen unserer Zeit. Es war kaum ein Seminarteilnehmer, der nicht eine Kopie des Liedes in deutscher, aber auch in masurischer Sprache mit nach Haus nahm.

Wenig ist bisher über die Geschichte der Tatareneinfälle in Ostpreußen geschrieben worden, es sind auch nicht mehr viele Dokumente vorhanden, da 13 Städte und 249 Dörfer, Flecken und Höfe und 37 Kirchen vernichtet wurden. Etwa 23 000 Menschen wurden erschlagen, 34 000 Einwohner verschleppt, mehr als 80 000 starben an Hunger und der eingeschleppten Pest. Ganze Landstriche wurden wüst. Das Land, das aufblühte, weil der 30jährige Krieg so gnädig an ihm vorbeigegangen war, blutete aus. Wie das Tatarenlied besagt:

"Den Enkel traf nunmehr, was in fernen Zeiten die Väter nicht erlebt: Tausend Graumsamkeiten kränkten hier die Unschuld; und bey solchen Plagen beklemmeten die Brust Ohnmacht und Verzagen."

Wie kam es zu diesem Schicksalsschlag für unsere Heimat? Auch nach dem Westfälischen Frieden hatte die Großmacht Schweden noch nicht die Waffen beiseite gelegt, der jahrzehntelange Kampf um die polnische Krone flammte wieder auf. Der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Vetter des Schwedenkönigs Carl Gustav, verbündete sich mit ihm gegen den polnischen König, es kam zum Schwedisch-Polnischen Krieg (1655–1660). In einer dreitägigen Schlacht bei Warschau besiegte die schwedisch-brandenburgische Armee das polnische Heer. Doch der Polenkönig Johann Kasimir holte zum Gegenschlag aus, sein durch Litauer und Krimtataren verstärktes Heer schlug die schwedisch-brandenburgischen Truppen bei Prostken, wobei diese mit 7000 Toten und Gefangenen große Verluste erlitten. Mordend und sengend zogen die Tataren durch Masuren und weiter nach Preußen hinein, und was sie erbeuteten, war ihr Kriegslohn.

"So wie ein Adlerschwarm kam in schnellen Heeren ein rauhes Heydenvolk, alles zu verzehren. Unvermuthet sprengten wilder Barbarn Horden auf raschen Pferden an, um hier frey zu morden."

Obgleich sie nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren und statt eines Säbels einen auf einem Holzgriff befestigten spitzen Knochen, den "Maslack", trugen, waren sie in Geschwindigkeit, Gewandtheit und improvisierten Manövern unschlagbar. Hans-Egon von Skopnik zieht ihre Blutspur nach: Sie drangen sofort von Prostken an das Ostufer des Mauersees vor, legten Angerburg in Schutt und Asche, von hier zogen sie in Richtung Drengfurt und Barten, wo sie jedoch auf eine zur äußersten Verteidigung entschlossene Besatzung des Bartener Schlosses fanden. So verzichteten sie zunächst auf Plünderung und Brandschatzung, dafür verwüsteten sie die umliegenden Dörfer und Höfe. Angerburg und Drengfurt brannten, der abendliche Horizont war blutrot.

"Die angeschürte Glut schlug in hellen Flammen gleich über Haus und Dorf, Kirch und Stadt zusammen. Vieh, Gerät und Silber ward hierbey erbeutet, und durch das ganze Land Furcht und Noth verbreitet."

Besonders schwer litt Lyck, das ausgeplündert und vollkommen zerstört wurde. die Bewohner hatten sich allerdings auf die Burginsel im Lycker See retten können, wo sie von einem Dragonerregiment, das der Oberst von Auer auf eigene Kosten erstellt hatte, erfolgreich verteidigt wurden. Aber nicht nur die Männer bewiesen Mut, das bezeugt der bis in unsere Zeit so genannte "Tatarensee". Eine Horde hatte eine große Schar der männlichen Bewohner des Kreises Lyck gefesselt, sie an die Schwänze ihrer Pferde gebunden und sie zum See geschleift. Als die Tataren dort lagerten, schlichen die Frauen der Gefesselten herbei, taten mit den Feinden lustig und machten sie mit Bärenfang betrunken, daß sie umfielen. Da befreiten die Frauen ihre Männer, und gemeinsam warfen sie die Betrunkenen in das moorige Wasser. Aber bei den meisten Bewohnern war eine Gegenwehr vergebens, die Horden wüteten dann um so schlimmer. Im Kirchspiel Ostrokollen wurden 96 Menschen erschlagen, 1362 wurden gefangen und fortgeschleppt. In Kallinowen wurden von 800 Einwohnern die meisten getötet, der Rest in die Sklaverei geschleppt, so auch der Pfarrer Baranowski, der als Galeerensklave elend auf Kreta verstarb.

"Die Aeltern aber selbst lagen schon in Banden, zur Freyheit war für sie kein Weg vorhanden. Niemand durfte hoffen, sie von Strick und Ketten der harten Dienstbarkeit jemals zu erretten."

Noch grausamer und brutaler – falls noch eine Steigerung möglich war – erwies sich der Tatareneinfall in das Bartner Land im darauf folgenden Jahr. Nachdem die Horden wieder das Schloß Barten nicht stürmen konnten, zogen sie wütend nach Lötzen, das sie wie auch die umliegenden Orte niederbrannten. Der Herr von Gut Stürlack, Freiherr von Schenk zu Tautenburg, wurde auf einem Stein vor seinem Haus in Stücke gehauen. Viele Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, fast alle Bewohner auf grausamste Weise umgebracht. Frauen und Kinder wurden zusammengebunden und wie Vieh in die Türkei und auf die Krim getrieben und dort in die Sklaverei verkauft. Es gibt kaum Berichte über deren Schicksale, erschütternd sind die Briefe der Gräfin von Lehndorff aus Konstantinopel, in denen sie um das für ihre Freilassung geforderte Lösegeld bittet. Es konnte nicht aufgebracht werden. Agnes Miegel schildert in ihrer Erzählung "Das Lösegeld" den Freikauf eines versklavten Mädchens – aber um welchen Preis! Und in ihrem mahnenden Gedicht "Über der Weichsel drüben" klagt sie: "Deine jungen Töchter verschleppte der gelbe Tatar ..." In ihrem großartigsten Werk, den "Geschichten aus Alt-Preußen" wird in "Engelkes Buße" das Herrschaftskind von der durch eigene Kindstötung schuldig gewordenen Magd vor den mordenden Tataren gerettet. Aber wie viele Säuglinge wurden ermordet, wie viele elternlose Kinder irrten weinend umher und starben irgendwo in dem verwüsteten Land.

"O Vater! riefen sie, laß dich von uns finden. Geliebte Mutter ach, kannst du so verschwinden? Bis sie matt vom Weinen, matt von Frost und Darben und allen Trosts beraubt, auf den Feldern starben."

Pfarrer Johann Molitor hat diese Grausamkeiten in seinem Heimatort Groß Rosinsko selber erlebt, wo die älteren Bewohner erschlagen, die Frauen geschändet, Kinder zerschmettert und aufgespießt wurden. Molitor konnte sich in den Worguller Sümpfen verbergen und sich dort von Baumrinde und Wurzeln ernähren, bis die Tataren abgezogen waren. Der Raubzug hatte erst ein Ende, als am 16. September 1657 im Vertrag zu Wehlau dem Großen Kurfürsten von Polen die volle Souveränität über das Herzogtum Preußen zugesagt wurde, die 1660 im Frieden zu Oliva von allen Großmächten sowie vom Kaiser ihre Bestätigung erhielt. Molitor schrieb sich die Qual des Erlebten in der masurischen Sprache seiner Heimat vom Herzen, nichtsahnend, daß sein Tatarenlied einmal als das große authentische Dokument dieses grausamen Kapitels deutscher Geschichte – das leider nicht das einzige blieb – gewertet würde. Aber er war nicht nur ein dichtender Chronist, sondern auch ein Mahner, der in der harten Sprache der damaligen Zeit schonungslos Ungläubigkeit und verlorene Moral anprangert. Wer sich eingehend mit dem Tatarenlied – übrigens ursprünglich: Tartarenlied – befaßt, wird sehr nachdenklich werden.

Johann Molitor, der bis 1682 Pfarrer der Gemeinde blieb und unter der großen Linde auf dem Kirchplatz von Großrosen, wie Groß Rosinski umbenannt wurde, begraben liegt, hat noch erleben können, daß sein Lied am 3. Mai 1662 in voller Länge beim preußischen Friedensdankfest in den Grenzkirchen zu Polen gesungen wurde. Bis in die Neuzeit hinein fehlte es nicht in den Kirchen Masurens.

Sein Porträt, das bis Kriegsende in der Kirche von Großrosen hing, ist verschollen. Auch alle Nachforschungen über den Verbleib des Gemäldes, die Hans-Egon von Skopnik – auch über die Ostpreußische Familie im Ostpreußenblatt – anstellte, blieben ergebnislos. Aber sein Tatarenlied blieb erhalten.

Das Tatarenlied

Von Johann Molitor (1656)

Betrübtes Vaterland! Netze Deine Wangen;/ Denkt, Preußen, was mit euch damals vorgegangen,/ Als man sechszehnhundert sechs und fünfzig zählte,/ Und ein ergrimmter Feind euch empfindlich quälte.

So wie ein Adlerschwarm, kam in schnellen Heeren/ Ein raues Herdenvolk, alles zu verzehren./ Unvermuthet sprengten wilder Barbarn Horden/ Auf raschen Pferden an, um hier frey zu morden.

Die angeschürte Glut schlug in hellen Flammen/ Gleich über Haus und Dorf, Kirch und Stadt zusammen./ Vieh, Gerät und Silber ward hierbey erbeutet,/ Und durch das ganze Land Furcht und Noth verbreitet.

Sein scharfer Säbel hieb alles ohn Erbarmen;/ Der Wütrich riß das Kind aus der Mutter Armen,/ Die mit nassen Wangen kläglich nach ihm blickte,/ Und tiefe Seufzer nur zu den Wolken schickte.

Auf den Feldern irreten armer Waysen Haufen;/ Bestürzet sah man sie durch einander laufen,/ Und gleich jungen Vögeln, wenn sie sich zerstreuen, Mit ängstlich banger Stimm, nach den Aeltern schreyen.

O Vater! riefen sie, laß dich von uns finden./ Geliebte Mutter, ach! kannst du so verschwinden?/ Bis sie matt vom Weinen, matt von Frost und Darben,/ Und allen Trosts beraubt, auf den Feldern starben.

Die Aeltern aber selbst lagen schon in Banden;/ Zur Freyheit war für sie gar kein Weg vorhanden./ Niemand durfte hoffen, sie von Strick und Ketten/ Der harten Dienstbarkeit je zu erretten.

Wie in dem Höllenpfuhl, hat an Händ und Füßen/ Das arme Christenvolk Bande schleppen müßen./ Ehegatten mußten sich gezwungen scheiden,/ Und so getrennt forthin allen Umgang meiden.

Sie wurden hingeschleppt in ein Land der Heyden,/ Um Gram und Ungemach überhäuft zu leiden./ Als sie angelanget, hat man unverweilet/ Den mitgebrachten Raub hier vergnügt vertheilet.

Die du zur Ehe nahmst, wird dein Weib nicht heißen;/ Ein Fremder soll sie dir von der Seite reißen./ Häuser, die du bautest, werden ledig bleiben:/ Denn in ein fernes Land wird man dich vertreiben. …

(Stark gekürzte Fassung)

 

 

Rózynsk Wielki - Groß Rosinsko/Groß Rosen

In dem 1475 gegründeten Ort befand sich vor der Reformation eine Wallfahrtskirche. Zwei kleine kreisförmige Kirchenfenster mit Glasmalereien biblischer Szenen sowie ein Heiligenbild sollen 1656 die Tataren davon abgehalten haben, das Gebäude einzuäschern. Pfarrer Johann Molitor aus Groß Rosinsko hat die Grausamkeiten des Tatareneinfalls in seinem Kirchspiel in einem Lied in masurischer Sprache festgehalten, das in das masurische Gesangsbuch übernommen wurde. Er selbst konnte sich durch die Flucht in die Worguller Sümpfe retten, wo er sich von Wurzeln und Baumrinde ernährte, aber überlebte. Rektor Pisanski aus Angerburg übertrug den Text ins Deutsche.

 

Der strohgedeckte Holzbau der Kirche wurde 1894 abgerissen und durch einen backsteinernen neogotischen Neubau auf dem Hügel neben dem Bach ersetzt. Der hochaufragende Turm trug eine vergoldete Kugel und ein Kreuz.

 

Das Ausmaß der Entführungen allein in den drei Dörfern Gutten, Diebowen und Kiebißen geht aus den folgenden Berichten hervor.

Quelle: APG NF 13. Jg 1982

Allein aus dem Amt Johannisburg wurden 2.177 Personen verschleppt.

Auch Kirchen und Pfarrer wurden erst recht nicht verschont.

 

In einem späteren Bericht von 1663 werden für Gutten zwei Familiennamen genannt, von denen Angehörigen entführt wurden. Dies können Söhne von Seraphin Guttowskj sein:

"Michel Gutt, entf. sein Sohn Jacob von 10 J. - deßen Gärtner Michel Wyttzeß, entf. sein Sohn Jan von 11 J.

Jan Gutt, entf. sein Sohn Jan von 8 J., seiner Schwester Tochter Catharina, 15. J."

betroffen sind 10 weitere Einsaaßen von Gutten. 

So sind zumindest 3 Kinder - oder gar Enkel !!! - des Seraphin Guttowsky mit Namen bekannt, von denen Angehörige entführt wurden. Es ist anzunehmen, dass Michel Gutt der Ältere und mit größerem Besitz ausgestattete ist, weil er zur Bewältigung des Besitzes einen "Gärtner" braucht. 

Über deren Geburts- und Sterbedatum kann man nur vage spekulieren: geboren um 1610 und vor 1690 - dem ersten Kirchenbuch im Kirchspiel Rosinsko - gestorben. 




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